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Tinder – Liebe in Zeiten der unbegrenzten Möglichkeiten

Tinder - Liebe in Zeiten der unbegrenzten Möglichkeiten

Tinder – für mich?? Ach nein – so war der erste Gedanke. Kerle kennenlernen kannst Du doch überall, dachte ich, als mir eine Freundin mit dem Tipp kam. Nur irgendwann musste ich mir eingestehen, dass

a) die netten Kerle irgendwie selten dort zu sein scheinen, wo ich mich gerne aufhalte und
b) mich der Metzger im Supermarkt zwar schon lange anschmachtet, was aber auch nicht wirklich weiterhilft und
c) die meisten meiner Freunde auch schon tindern, wenn sie nicht parshipen oder ähnliches.

Von daher dachte ich eines schönen Tages: Also gut – ich versuch’s! Zudem ich viel beruflich unterwegs bin, nicht mehr so oft ausgehen mag und sowieso eine Menge per App erledige. Warum also nicht Mr Perfect (oder zumindest Herrn Istnett) über Tinder?
Tinder ist schnell installiert, das Profil ebenso schnell erstellt – ob sichtbar oder unsichtbar, ist hier die Frage… Aber die Antwort ist einfach: ich will sehen – also sollte ich auch gesehen werden können. Das Auge isst bekanntlich mit und wenn ich so einen leckeren Zuckerkerl sehen kann, soll der auch was sehen können.

Hm, was ist jetzt zu tun? Ah ja- wischen wie sonst auch: Bei Interesse nach rechts, bei keinem Interesse nach links (und ich greife hier schon mal frech in der Erzählung vor: Ich werde die nächsten Wochen gefühlt ungefähr 50mal mehr wegwischen bzw. nach links wischen als nach rechts. Meine Freundin Mona sagt, bei ihr wäre das Verhältnis eher 100:1. Und wir beide haben eine Bekannte, die ihr Verhältnis sogar bei 300 zu 1 ansetzen würde. Und genau die hat über Tinder einen wirklich netten Mann kennengelernt. Life sucks. Aber zurück zu Tinder). Liken kann man, sogar superliken und zurückwischen – was es nicht alles gibt? Grade letztes klingt für mich gut, denn beim abendlichen Dauerwischen (nicht von Staub, schon klar) übersehe ich doch einiges…. Oh nein – gibt es nur mit Abo! Egal, mein Profil ist drin- los geht’s!

Irgendwann ist der erste Tinder-Abend vorbei… gut zwei Stunden hat er gedauert und mir 12 Matches, zwei Nachrichten auf meinem Konto und einen echten Fingerkrampf eingebracht. Aua! Das Ergebnis ist sonst aber nicht schlecht für’s erste Mal, würde ich sagen.

Drei Tage später und ein erstes Resümee

Tinder hat schon was – der Spaß- und damit auch Suchtfaktor ist nicht so groß wie beim Shoppen, aber das Schauen gefällt. Allerdings stellt Frau auch einige Sachen fest, die sie nachdenklich stimmen:

a) Mann bleibt irgendwie doch Mann. Soll heißen, es scheint auch auf Tinder Jäger und Sammler zu geben (bei Frauen natürlich auch). Manche Matches reagieren gar nicht, auch nicht auf proaktive Hallos. Gottseidank können Matches schneller als Erinnerung gelöscht werden – zup und weg damit! Warum soll ich hier als Jägerin auf Beute lauern? Manche Männer scheinen aber genau das zu tun und bewegen sich nicht aus ihrer Deckung. Vielleicht ein Selbstschutzprogramm? Wenn man seine ganze Tinderliste weglikt, sieht die Trefferliste abends natürlich ganz anders aus….. Nein, mir ist der ehrliche Kontakt lieber! Und Kontakt heißt eben das: Ansprechen und höflich sein (authentisch, witzig, charmant, aufmerksam etc. kommen noch oben drauf).

b) Eine amerikanische Kollegin hat mir mal erzählt, dass in den USA die Körpergröße mittlerweile beim Internet-Dating eines der Hauptkriterien dafür ist, ob es überhaupt zu einem Date kommt. Schwappt diese Welle auch zu uns? Scheint nämlich auch auf Tinder so zu sein: Die Frage nach der Körpergröße wird im Chat sehr schnell gestellt. Mir war Größe (außer innerer und vielleicht auch an einer gewissen Stelle, sorry Jungs, ist nun mal so) nie so wichtig: Hatte kleine und große Partner und war in alle verliebt. Aber gut, auf Tinder scheint es wichtig zu sein (und je nachdem kann frau mit Stöckelschuhen immer was reißen, anders als die armen Männer und ihre lächerlichen Plateauschuhe).

c) Wie gesagt wische ich vieeeel öfter nach links als nach rechts (aber Mona noch vieeel mehr). 🙂

d) Langsamer wischen! Oder Abo, was ich nicht möchte.

Eine Typisierung des Tindermannes (im folgenden TM abgekürzt)

Der TM zerfällt, wie der normale Haus- und Hofmann (HHM) in verschiedene Typen. Jeder Typ scheint seine ganz eigenen Verhaltensmuster aufzuweisen, welche in manchen Fällen possierlich, in anderen seltsam und manchmal sogar skurril wirken mögen.

TM 1: Show it all!

Enge Hosen! Zerrissene Jeans! Nackter Oberkörper! Am Badesee, auf dem Sportplatz, in der Umkleide, an der Waschmaschine, am Mülleimer (tatsächlich – aber warum an der Waschmaschine? Sollten Hausmannqualitäten gezeigt werden? Don’t get it). Jedenfalls zeigt Mr. Show it all alles…. Was nur selten zu viel ist- zugegeben. Und das Auge isst ja bekanntlich mit…..

TM 2: Der Unsichtbare

Der Unsichtbare zeigt alles, was TM 1 auch zeigt – mit Ausnahme des Gesichts. Dafür sehe ich das geliebte Haustier, das geliebte Motorrad, die geliebte Mutter (Scherz – nein, die habe ich nicht und nie gesehen). Aber auch ein Mittagessen wird da mal im Bild platziert, ein Urlaubsfoto oder einmal eine Hantel. Freut mich ja, wenn Du stark bist, Junge, aber Dein Gesicht würde ich noch lieber sehen! Und auch ein Hinterkopf turnt mich nicht mega an. Kurz: Offenheit gegen Offenheit – oder eben ab ins Off.

TM 3: Mr. Perfect

Mr Perfect hat die Selfie-Hochschule erfolgreich abgeschlossen, was heißt, dass er uns immer (!) seine Schokoladenseite präsentiert – und die sieht ja auch Jummi! Lekker! aus, wie meine holländische Kollegin Antje zu sagen pflegt. Aber, lieber Mr Perfect: die Realität besteht aus mehr als nur aus der perfekten Gesichtshälfte, dem perfekten Hintergrund und der perfekten Pose. Spätestens beim Treffen heißt es: Hose runter! (Nicht gleich, schon klar – übergetragen gesagt sozusagen – was später kommt – mal schauen). 🙂

TM 4: Der Halb-Unsichtbare

Dieser Untertyp des Unsichtbaren versteht es geschickt, sich in Szene zu setzen. Das Gesicht mal ziemlich verdeckt, mal kaum zu erkennen, mal mit Sonnenbrille, mal mit Grimasse, mal aus ganz ungewohnter Position – allen gemeinsam ist, dass es gut aus sieht. Und dass man nie (!) das Gesicht genau erkennen kann. Und das macht nicht nur stutzig, liebe Männer, es stößt ab. Kerls, bitte traut euch! Ich bin doch auch keine Tinderqueen – aber ich zeige ein paar pics, auf denen ich strahlend lächle und wenn ein netter Mann vorbeikommt und mich zum Lachen bringt, werde ich ihm genau so ein Lächeln schenken – aber dafür möchte ich ihn vorher sehen können! Nicht nur ausschnittsweise!

TM 5: Tom Cruise in Geboren am 4. Juli

Ist ein alter Film, ich weiß…. Aber ich hab ihn mit 14 im Fernsehen gesehen, als mein (damals) blöder Bruder draußen Fußball spielte und mich in Tom Cruise verliebt. Als Jugendlicher küsst ihn seine Freundin und er springt zu Boden und schreit: Schau mal, wie viele Liegestütze ich kann! So etwa kommt mir dieser Typ vor…. TM 5 ist – nach den Bildern zu urteilen – Sportfanatiker. Und manchmal auch Veganer. Oder Anti-Alkoholiker. Nichtraucher etc. Nur mag ich halt gerne sündigen.

TM 6: Ich bin reich

Baby – ich habe es! Das scheint in brevis die Aussage von TM 6 zu sein. Sein Profil beginnt mit der Berufsbezeichnung. Manchmal sind da auch Fotos, die ihn mit anderen Frauen zeigen. Mensch Junge, wenn ich auf Donald Trump stehen würde, wäre ich nicht bei Tinder, sondern bei „Rich MFs“ angemeldet! Oder anders: ich habe durchaus nichts gegen erfolgreiche Männer, aber sie sollten es – nach meiner Ansicht wenigstens – nicht wie einen Schild vor sich hertragen. Was hinter dem Schild steckt – das interessiert mich nämlich auch!

TM 7: Früher Hippie, heute Hipster

So wie sein Vorgänger ist der Hipster ein Zeitgeistphänomen – und als solches weit verbreitet. In Berlin habe ich den Eindruck, von schur- und vollbärtigen Hipstern verfolgt zu werden (man kann sie leicht durcheinander bringen, wenn man freundlich fragt: Bist Du gläubiger Muslim? Aber das nur am Rande). Auf Tinder geben sie den Partygänger, sind DJs und haben als Interessen Travel, Goodlife, Fashion etc. Ein nettes und manchmal sogar witziges Zitat auf Englisch darf nicht fehlen. Mein Großvater hatte auch nen Bart und ich mag Bartträger durchaus. Aber ich mag auch gerne das ganze Gesicht sehen – und da gefallen mir unbebartete Herren eben besser.

TM 8: Men in Groups

Dass ihr Kumpels habt, freut mich für Euch, Männer. Aber wie zum Henker soll ich Euch in einer Gruppe von fünf, sieben oder zehn Männern erkennen? TM 8 wirkt mit TM 4 verwandt.

TM 9: Pa(a)rships…

Ach ja, Henry Miller und Anäis Nin… und stille Tage in Clichy… der flotte Dreier wird auch gesucht. Fotos von beiden, oft in Posen von sexy bis süpersexy oder super verrucht. Warum nicht? Bin ich aber zu prüde für. Ich will einen! Und nicht zwei.

Zwei Wochen später und ein zweites Resümee

Das Parship-Phänomen packt mich auch hier: Ich komme durcheinander. Bei all den Profilen verliere ich irgendwann den Überblick: Daniel war der mit dem Philosophiestudium – oder war es Alexander? Wer will bald umziehen? Und wer arbeitet nochmal für Audi? Ich merke, dass ich im Überangebot die Lust verliere. Und außerdem die Entscheidung schwerer fällt, da ja immer ein (vermeintlich) besserer, hübscherer, netterer etc. im nächsten Profil erscheinen könnte. Die Lösung: Kürzer treten! Keine zwei h mehr am Abend, nur noch eine h. (Hoffentlich halte ich das durch).

Was mir auf jeden Fall gefiel und weiter gefällt, sind die teilweise originellen Beschreibungen und Fotos, die man findet. Und auch ein paar Eckdaten zum Lebensstil (das Hobby Modelleisenbahn muss nun nicht unbedingt dabei sein, aber ob Du rauchst oder nicht frage ich mich schon….).

Alles, was so nach dem Leitfaden für Anmachsprüche oder Dating-Tricks klingt, löst bei mir persönlich Wisch-Alarm aus (täte das doch auch der Staub oben auf den Schränken, seufz – aber an den soll der echte Mr. Perfect bitte irgendwann dran). Ne Jungs – Eure „kann alles, muss nichts“ oder „bin schreibfaul- schreib Du doch :-)“ oder „will nur Spass“ etc. Sprüche schrecken mich einfach ab!

Was mich persönlich anspricht, sind die Sachen, wo ich merke: Da hat Man(n) sich Mühe gegeben! Ob beim Bild oder beim Text – die eigene Note ist es, die ich anziehend oder auch nicht anziehend finden kann – die mir etwas über Dich verrät! Und das möchte ich schließlich – etwas über Dich wissen.

Mein Fazit zu Tinder

Tinder ist wie Parship oder Facebook auch – eine nette Hilfe, ein unterhaltsames Spielzeug. Die Realität ersetzt es nicht. Aber es macht Spaß! Und gerade wenn Mann bzw. Frau mal wie ich abends zu müde ist, um sich aufzubrezeln und auszugehen, dann kann man die Femme Fatale oder die Schöne des Tages auch auf dem Sofa sein – und das gefällt!

Zudem ich es nett finde, den Kontakt zu neuen Menschen auf diese Weise herzustellen – unverbindlich und diskret. Kurz gesagt: Tinder ist nett und vor allem für Abende auf dem Sofa geeignet. Wer mehr will, muss aber irgendwann aus dem Hause gehen. Spätestens zum auf Tinder verabredeten Date. 🙂

Tinderella: A Modern Fairy Tale


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